Corcovado

7. April 2011
Der Taxifahrer steht pünktlich um 5.00 Uhr vor unserer Tür. In diesem Fall von einem Taxi zu sprechen, ist allerdings etwas übertrieben. Es handelt sich um einen Pick-Up mit zwei Plätzen! Unsere Rucksäcke werden kurzerhand auf die Ladefläche geschmissen und wir quetschen uns sogleich in den Fond des Wagens. Der Fahrer stellt sich mit Oscar vor und wir halten mit unseren minimalen Spanischbrocken eine interesante Konversation über die katastrophalen Straßenverhältnisse, woher wir kommen und über die Umgebung. Er erklärt uns mit Händen uns Füßen, dass wir in La Palma, seinem Wohnort, den Wagen wechseln werden. Dort angekommen steigen wir um in einen Klein-LKW mit offener Pritsche. Wir nehmen auf einer Holzbank auf der Ladefläche Platz, und es beginnt unser Trip ins Abenteuer! Von La Palma aus führt eine üble Schotterpiste in Richtung Regenwald. Mehrfach müssen wir Furten durchfahren.

Für Selbstfahrer ist der Weg sicher nicht ganz einfach zu finden, da gerade am Anfang eine Abzweigung ohne jegliches Hinweisschild kommt. Hier muss man sich links halten und durchfährt danach weitere Furten, insgesamt sind ungefähr 20 Flüsse auf dem Weg nach Los Patos zu durchqueren. In der Trockenzeit ist die Piste möglicherweise mit einem 4 x 4 mit hohem Radstand machbar, wir sind uns jedoch nicht sicher, ob unser Suzuki Jimny den Weg geschafft hätte. Nach 45 Minuten erreichen wir die Rangerstation von Los Patos. Dort erfahren wir von dem sehr netten Ranger, dass es seit kurzer Zeit ein „Collectivo“ von La Palma nach Los Patos gibt, welches ca. um 6.00 Uhr abfährt – Kostenpunkt ganze 10 USD pro Nase. Unsere Taxifahrt hat immerhin stolze 80 USD gekostet. Wir ärgern uns nicht lange über das rausgeschmissene Geld und werden erst einmal vom Ranger zu einer Tasse Kaffee eingeladen.

Der Eintritt in den Corcovado Nationalpark kostet 10 USD pro Tag und sollte, wenn man einen mehrtägigen Aufenthalt plant, auf jeden Fall rechtzeitig gebucht werden. Die Buchung ist einen Monat vor Reiseantritt möglich. Auch Tagestickets können mittlerweile nicht mehr in der Rangerstation selbst gekauft werden – dies ist nur in Puerto Jiminez möglich.

Wir haben die komplette Buchung über die Suital Lodge erledigt – der einfachste Weg, da man aus Deutschland nicht die Möglichkeit hat, das Geld auf das Konto des Nationalparks zu überweisen. Carlos berechnet für die Organisation 10 USD pro Kopf. Alle weiteren Kosten haben wir, ebenso wie das Eintrittsgeld in den Nationalpark, bereits im Voraus über das schweizer Konto von Carlos bezahlen müssen. Die Übernachtung in den Mehrbettzimmern der Sirena Station kostet 8 USD, Frühstück 15 USD sowie Lunch und Dinner jeweils 20 USD. Die Verpflegung ist sicher kein Schnäppchen, jedoch muss berücksichtigt werden, dass alle Lebensmittel aufwändig zur Sirena Station transportiert werden müssen. Natürlich kann man auch alle Reservierungen direkt über die Parkverwaltung Corcovado  vornehmen, muss dann allerdings einen Weg des Geldtransfers finden.

(Update 2016: Seit 2016 ist das Betreten des Corcovados ohne heimischen Guide nicht mehr zulässig!).

Der Corcovado Nationalpark wurde 1975 gegründet und bietet auch heute noch eine riesige biologische Artenvielfalt. Aufgrund der Abgelegenheit der Region blieb der Regenwald bis in die sechziger Jahre vollkommen unberührt. Holzfäller und mehrere Hundert Goldsucher störten das Ökosystem jedoch nachhaltig und erst die vielen Stimmen von Tierschützern aus aller Welt bewogen Präsident Oduber 1975 dazu, den Nationalpark zu errichten. So konnte eines der vielfältigsten Ökosysteme der Erde erhalten werden. Corcovado ist wahrlich eine „Grüne Hölle“, ein Schutzgebiet der Superlative. Um 7.00 Uhr brechen wir auf zu dem 20 Kilometer langen Marsch, nachdem wir uns in das Trailhead-Buch eingeschrieben haben. Zur Orientierung dient eine Skizze mit allen markanten Punkten, die an der Rangerstation aushängt.

Die erste Etappe ist relativ ermüdend: Nach einer ersten Flussdurchquerung geht es direkt hinein in den Regenwald und zwar zunächst permanent bergauf, bergab. Der rote Urwaldboden ist ziemlich glitschig – und hier denken wir das erste Mal über das gewählte Schuhwerk nach. Die Diskussion über das Schuhwerk auf dieser Wanderung ist in den einschlägigen Foren wahrlich vielfältig. Von Trekking-Schuhen über Tevas, Turnschuhen bis hin zu Gummistiefeln werden die Pros und Kontras zwischen den Hikern heftig diskutiert. Wir haben uns für die Variante der Ticos entschieden, Gummistiefel, ein Fehler, wie sich später herausstellen soll. Unmittelbar nach der Flussdurchquerung entdecken wir unser erstes Highlighlight: In hohen Bäumen direkt vor uns hockt ein Macaw-Pärchen.

Die Roten Macaws sind die größten Papageien weltweit. Sie leben ihr ganzes Leben in einer treuen monogamen Beziehung und sind von daher grundsätzlich zu Zweit anzutreffen. Corcovado ist eines der letzten Reservate für diese prachtvollen, vom Aussterben bedrohten Vögel. Kurze Zeit später entdecken wir unsere ersten Affen im Urwald. Es handelt sich dabei um eine Gruppe von Weißkopf-Kapuziner Affen.

Die Etappe bis zum ersten Fluss ist ungefähr sechs Kilometer lang. Wir lassen uns kurz durch einen Weg, der links abgeht und zu einem Wasserfall führt, in die Irre führen. Wir erkennen nach ungefähr einer Viertelstunde den Irrtum und kehren um. Grund unseres Fehlers war eine Karte in der Los Patos Rangerstation, aus der hervorging, dass der Pfad zum Wasserfall nach rechts abgeht. In Wirklichkeit zweigtder Pfad aber nach links ab. Kurz und gut: Immer schön auf dem Hauptweg bleiben, dann kann man sich auf dem Weg nach Sirena kaum verlaufen. Den ersten Fluss auf dem Weg nach Sirena erreichen wir nach ungefähr drei Stunden. Dort entdecken wir im Fluss einen Basilisken, auch „Jesus Christ Lizard“ genannt, weil er in Windeseile über das Wasser laufen kann.

Luftpolster unter seinen zu Schwimmflossen ausgebildeten Pfoten ermöglichen ihm diese kuriose Fortbewegungsform – jedoch nur solange das Tier in Bewegung bleibt. Ist er einmal im Wasser eingesunken, muss er den Rest der Strecke bis ans Ufer schwimmend zurücklegen. Die jungen, noch nicht so schweren Exemplare, können erstaunlich lange Distanzen überwinden. Diese Fähighkeit ermöglicht den Basilisken Beutetiere wie Schmetterlinge und andere Insekten zu fangen, die sich auf dem Wasser, z.B. auf Steinen, in Sicherheit wähnen.

In Flussnähe ist die Chance, Affen zu sehen, besonders groß. So auch heute: Eine Gruppe von Spider Monkeys turnt in den Baumwipfeln von Ast zu Ast. Um uns zu verscheuchen, macht die Gruppe ein Heidenspektakel und bewirft uns aus den Baumkronen heraus mit Früchten, Kernen und Ästen. Man muss bei der Beobachtung von Affen etwas vorsichtig sein, da sie manchmal nicht davor zurückschrecken, aus den Wipfeln hinunter zu urinieren oder gar ein größeres Geschäft zu erledigen, um unliebsame Späher zu verscheuchen. 

Einfach beeindruckend sind die mächtigen Primärwaldbäume, die in ihrem ewigen währenden Kampf um Licht unfassbare Ausmaße annehmen. Mit ihren mächtigen Brettwurzeln trotzen sie den Kräften des Windes. Die kunstvoll verzweigten Brettwurzeln sind in Regenwäldern in den unterschiedlichsten Formen zu finden. Sie verzweigen sich flach am Boden in immer kleiner werdende Feinwurzeln, mit denen sie Wasser und Nährstoffe aus dem Bodens aufnehmen. Viele Pflanzen des Regenwaldes bedienen sich bei der Suche nach Licht einer List: Kletterpflanzen umschlingen andere Bäume und gelangen auf diese Weise immer weiter nach oben, ohne eigene Stützstrukturen zu entwickeln. Lianen lassen sich wiederum von ihrem wachsenden Stützbaum nach oben hieven, während sie selbst verdrehen und verwirrende Knoten entwickeln. In dem Gewirr von Schlingen und Schleifen finden sich wiederum Lebensräume für zahlreiche Tiere des Urwaldes.

Später entdecken wir unzählige Kolbris in schillernden Farben, die sich an den bunten Blüten des Regenwaldes gütlich tun, und auch zahlreiche andere interessante Vögel, White-whiskered Puffbirds, Ameisenvögel und Großtinamus.  Auf dem Weg zum zweiten Fluss orten wir dann auch eine Schlange, eine Leptophis (grünköpfige Baumschlange), die alsbald das Weite sucht, nachdem sie uns wahrgenommen hat. Leider sind wir zu langsam, um ein Foto dieses Prachtexemplars zu schießen.

Auf dem feuchten Laubboden machen wir zahlreiche Fingernagel große Fröschchen aus, Talamanca Rocket Frogs, die vergrößert betrachtet, sehr schöne Farben aufweisen. Die Talamanca Rocket Frogs gehören zwar zur Familie der Giftpfeilfrösche, sind aber nicht giftig! Es sind zwar noch nicht die bunten Fröschchen, die wir unbedingt sehen und fotografieren wollen, aber für den Anfang sind wir stolz, die winzigen Fröschchen entdeckt zu haben, zumal sie sich perfekt den Farben des bunten Regenwaldlaubes angepasst haben!

Die Etappe bis zum zweiten Fluss ist relativ kurz (ca. 2,5 Kilometer) und bequem zu laufen. Immer wieder fragen wir uns gegenseitig, was die Füße machen. Wir waren schon ein bisschen skeptisch, ob europäische Füße für eine Wanderung dieser Art in Gummistiefeln geeeignet sind! Jedoch hat keiner von uns bis zum jetzigen Zeitpunkt Probleme. Die nächste Etappe bis zum Rio Claro zieht sich dann unglaublich lange hin. Ein tropischer Regen prasselt mächtig auf uns nieder. Das dichte Blätterdach des Regenwaldes lässt allerdings das meiste Wasser nicht zu uns vordringen.

Corinna entdeckt im Dickicht einige Agoutis, kleinere nahezu schwanzlose Säugetiere, die an Riesenhamster erinnern. Die Agoutis spielen im Regenwald eine entscheidende Rolle beim Vermehrungsmechanismus der Paranuss, die extrem harte holzige Kapselfrüchte von der Größe einer Kokosnuss entwickelt. Die auf den Waldboden fallenden Nüsse würden dort verrotten, wenn nicht die Agoutis als einzige Tiere des Waldes in der Lage wären, die harte Schale zu knacken, um an die schmackhaften Samen heran zu kommen. Einen Teil vergräbt das Agouti „für schlechte Zeiten“ und aus den vergessenen Samen entwickeln sich neue Paranussbäume. Eines von zahlreichen Beispielen, in denen Organismen des Regenwaldes in einer unmittelbaren Abhängigkeit zueinander stehen. Wenn nun einer der Partner aus dem Ökosystem verschwindet, hätte das bedrohliche Auswirkungen auf den anderen Organismus.

Die Etappe bis zum zweiten Fluss ist relativ kurz (ca. 2,5 Kilometer) und bequem zu laufen. Immer wieder fragen wir uns gegenseitig, was die Füße machen. Wir waren schon ein bisschen skeptisch, ob europäische Füße für eine Wanderung dieser Art in Gummistiefeln geeeignet sind! Jedoch hat keiner von uns bis zum jetzigen Zeitpunkt Probleme. Die nächste Etappe bis zum Rio Claro zieht sich dann unglaublich lange hin. Ein tropischer Regen prasselt mächtig auf uns nieder. Das dichte Blätterdach des Regenwaldes lässt allerdings das meiste Wasser nicht zu uns vordringen.

Corinna entdeckt im Dickicht einige Agoutis, kleinere nahezu schwanzlose Säugetiere, die an Riesenhamster erinnern. Die Agoutis spielen im Regenwald eine entscheidende Rolle beim Vermehrungsmechanismus der Paranuss, die extrem harte holzige Kapselfrüchte von der Größe einer Kokosnuss entwickelt. Die auf den Waldboden fallenden Nüsse würden dort verrotten, wenn nicht die Agoutis als einzige Tiere des Waldes in der Lage wären, die harte Schale zu knacken, um an die schmackhaften Samen heran zu kommen. Einen Teil vergräbt das Agouti „für schlechte Zeiten“ und aus den vergessenen Samen entwickeln sich neue Paranussbäume. Eines von zahlreichen Beispielen, in denen Organismen des Regenwaldes in einer unmittelbaren Abhängigkeit zueinander stehen. Wenn nun einer der Partner aus dem Ökosystem verschwindet, hätte das bedrohliche Auswirkungen auf den anderen Organismus.

Der Waldboden ist voll von farbenprächtigen Blüten, die aus den über sechzig Meter hohen Baumkronen herabfallen sowie außergewöhnlichen Kernen, wie z.B. den markanten „Lippen einer Hure“.

Bei unserem Marsch durch den Regenwald stellen wir fest, dass Corinnas „Scans“ hier wesentlich effektiver arbeiten als meine. Das ist das Männerschicksal der Evolution, das Frauen zum fokussierten Sehen befähigt hat, während Männer ein besseres Breitbandsehen zur Erspähung von Feinden und für die Jagd entwickelt haben.

Nach acht Stunden erreichen wir endlich den Rio Claro – von hier aus ist es noch eine gute Stunde zu laufen. Meine Füße schmerzen mittlerweile unter den Ballen ein wenig und ich befürchte, dass sich Blasen entwickeln werden – angesichts der uns bevorstehenden zweiten 20 Kilometer Etappe keine rosigen Aussichten. Mittlerweile ist unser Wasservorrat auch zur Neige gegangen. Man schwitzt bei dieser Luftfeuchtigkeit unglaublich und jeder Hiker ist gut beraten, ausreichend Wasser mitzunehmen, für die Strecke Los Patos nach Sirena mindestens drei Liter. Endlich gegen 16 Uhr taucht die Sirena Ranger Station vor uns auf wie eine Fata Motgana. Wir sind beide nach dem neunstündigen Marsch glücklich, das erste Etappenziel erreicht zu haben. Da in vielen Foren diskutiert wird und sehr viel Unsicherheit darüber besteht, ob der Weg Los Patos nach Sirena ohne Guide gefahrlos durchgeführt werden kann, hier die Antwort aus unserer Sicht: Wenn man nicht komplett unerfahren ist, sollte dies ohne weiteres möglich sein. Verirren kann man sich sicher nicht, und das Risiko mit Wildlife (Schlangen, Jaguare/Pumas, Pecaris etc.) lässt sich bei entsprechender Verhaltensweise ebenfalls minimieren. Ob man mit Guide mehr Tiere entdeckt, dazu später mehr.

Ein etwas mürrisch wirkender Ranger zeigt uns unsere Betten. In Sirena gibt es vierzig einfache Bunkbeds (Etagenbetten) in Fünfbettzimmern. Die Betten wirken alles andere als einladend und scheinen ziemlich schmuddelig zu sein. Die Schaumstoffmatratzen sind mit verdreckten Plastiküberzügen ummantelt. Wir desinfizieren die Oberflächen erst einmal mit Sagrotantüchern. Für die Übernachtung in Sirena muss man alles andere mitbringen, wie das Moskitonetz, einen dünnen Jugendherbergesschlafsack sowie ein Bettlaken. Den oberen Teil des Bettes decken wir ab mit unseren Regencapes, da wir kein Betttlaken dabei haben. Darauf legen wir unseren Schlafsack – für zwei Nächte wird es so schon irgendwie gehen! Mitbewohner in unserem  Zimmer sind ein jüngeres Schweizer  Pärchen, das offenbar nur das notwendigste mit uns sprechen möchte. Wir  stellen schließlich unsere Smalltalk Versuche ein. Eine vielleicht gute Alternative zu den Bunkbeds ist das Übernachten auf der überdachten Campingplattform von Sirena. Hier gibt es Matten, die man mit einem Moskitonetz überspannen kann. In diesem Fall muss man nicht einmal ein Zelt mit nach Siena schleppen. Auch diese Übernachtungsform muss im Vorfeld gebucht werden. Man kann alle Buchungen im Corcovado exakt vier Wochen vor der geplanten Tour durchführen, muss jedoch eine Agentur oder einen Lodge Betreiber finden, der die Überweisung im Land vornimmt.

Nachdem wir uns eingerichtet haben, schlüpfen wir aus unseren völlig verdreckten Klamotten und nehmen eine kalte Dusche. Die Sanitäranlagen sind nicht besser als die Betten, im Gegenteil: Die Benutzung von Dusche und Toilette wird sicher kein Highlight unserer Reise! Anschließend legen wir unsere müden Knochen auf der Veranda von Sirena hoch und versorgen erst einmal meine Blasen. An beiden Fußballen hat sich eine prall gefüllte Blase von gut zwei Zentimeter Durchmesser gebildet! Um die Diskussion um das Schuhwerk abzukürzen: Ich kann allen Europäern nur empfehlen, zumindest in der Trockenzeit die Tour mit Trekkingstiefeln, möglichst aus Goretex, aber keinesfalls aus Leder, zu machen und Tevas für die drei Flussdurchquerungen im Rucksack mitzuführen.

Von der Sirena Veranda blickt man direkt auf die Urwald-Landepiste. Kleine Propellermaschinen landen auf dieser grünen Schneise mitten im Urwald ein- bis zweimal am Tag aus Drake Bay, Puerto Jiminez und Quepos. Das ganze Vergnügen ist jedoch nicht gerade bilig (um 100 USD pro Strecke) und schon erst recht nicht umweltverträglich! Wer diesen einzigartigen Ort aufsuchen möchte, sollte sich unserer Ansicht nach schon per Pedes aufmachen! Um 17.30 Uhr gibt es Abendessen in Sirena. Wie in einer Mensa werden die Speisen an der Küche ausgegeben: Heute gibt es undefinierbare Fleischstückchen mit Gallo Pinto, gemischtem Salat und Nudelsalat, dazu einen roten Fruchtsaft, den man aus einem Bottich zapfen kann. Kein Gourmetdinner, aber mehr hatten wir an diesem Ort ehrlich gesagt auch nicht erwartet.

Elektrisches Licht wird in Sirena über ein Agregat genau zwei Stunden lang produziert, und zwar von 18 – 20 Uhr. Danach begibt sich alles zur Ruhe, da man in der Regel in den frühen Morgenstunden zu den ersten Ativitäten aufbricht. Die Nacht ist eher unruhig, da permanent rücksichtslose Gäste über die Holzkorridore vor den Zimmern poltern und zudem zwischen 3 und 4 Uhr bereits die ersten Gäste von Sirena aufbrechen. Es regnet die ganze Nacht über. Der Regen prasselt wie verrückt auf das Welldach. Ein paar Stündchen Schlaf bekommen wir aber dennoch, allen widrigen Umstände zum Trotz.

08. April 2011
Wir werden geweckt vom unglaublichen Krach der Brüllaffen. Die Howler Monkeys gelten als die lautesten terrestrischen Spezies im gesamten Tierreich! Am frühen Morgen stecken die Männchen ihr Tagesterritorium ab. Direkt gegenüber in den hohen Bäumen sind mehrere Macaw-Pärchen mit ihrem nicht enden wollenden Spiel miteinander beschäftigt. Auch die Macaws haben einen durchdringenden Ruf, ein markantes, dröhnendes Krächzen. Um 6.30 Uhr ist Frühstückszeit in Sirena. Es gibt natürlich Gallo Pinto, dazu Rührei, Früchte, Toast, Käse und Wurst.

Wir wollen den Übergang über den Rio Claro für unsere morgige zweite Etappe erkunden. Direkt vom Rollfeld geht der Sendero Rio Claro ab. Plötzlich hören wir hinter uns aufgeregte Stimmen, die von der Ranger Station herüberschallen. Mehrere Personen rufen uns etwas zu und winken. Wir verstehen sofort: Ein Flugzeug soll in wenigen Augenblicken landen. Kaum haben wir uns vom Rollfeld bewegt, taucht über den Wipfeln eine winzige Propellermaschine auf, die nach wenigen Augenblicken genau dort aufsetzt, wo wir noch vor ein paar Sekunden gestanden haben. Für uns ist dies eine Premiere: Wann und wo hat man schon einmal die Gelegenheit, auf einem Rollfeld spazieren zu gehen!

Der Sendero führt durch sehr schönen Primärwald in einer knappen halben Stunde zum Rio Claro. Der Rio Claro kann nur bei Ebbe durchquert werden. Bei Flut schwimmen Hammerhaie auf Nahrungssuche in die Mündung und machen die Überquerung zu einem Risiko. Außerdem tummeln sich Krokodile, die im Corcovado Nationalpark bis zu fünf Meter lang werden können, sowie Kaimane an dieser Stelle. Wir haben bereits im Vorfeld herausgefunden, dass der höchste Stand der Flut morgen um 6.25 Uhr sein wird – ein äußerst ungünstiger Zeitpunkt. Wir werden beim Ranger recherchieren müssen, wann der geeignete Zeitpunkt zur Flussüberquerung ist.

Der Weg führt noch einige Zeit parallel zum Rio Claro aufwärts, da er jedoch immer steiler wird und ich aufgrund meiner Blasen auf meine Tevas zurückgegriffen habe, kehren wir nach einer Weile um. Um 11.30 Uhr gibt es in Sirena Mittagessen. Eine Fanfare ruft alle Hiker zum Essen zusammen. Heute gibt es Spaghetti mit einer Gemüse-Sahne-Soße. Meine Blasen sind nach der Kurzwanderung größer geworden und wir desinfizieren und versorgen die Wunden erst einmal neu, bevor wir ein wenig auf der Veranda relaxen. Dort befragen wir den Ranger nach der besten Zeit für die Überquerung des Rio Claro. 1,5 Stunden vor oder nach der Flut ist die knappe Antwort. Dann sei das Wasser lediglich knietief. Früher haben die Hiker scheinbar die Flussüberquerung in Strandnähe vollzogen, was eine stärkere Abhängigkeit von den Gezeiten nach sich zog. Wir müssen nunmehr um 5.00 Uhr morgens am Fluss sein, da uns 8.00 Uhr eindeutig zu spät wäre. Der Zeitdruck entsteht auch deswegen, da am Zielort in Carate das Collectivo um 16.00 Uhr nach Puerto Jiminez abfährt. Der Ranger überreicht uns auch noch eine Skizze, auf der die markanten Punkte der Wanderung eingezeichnet sind. Verlaufen kann man sich auf dieser Etappe nicht, da die Strecke immer entlang des Strandes verläuft.

Nach unserer kurzen Siesta packt uns wieder der Unternehmungsgeist und wir laufen über die Landepiste zum Strand. Dort sehen wir kuriose Einsiedlerkrebse, die in Scharen über den Sand eilen und emsig damit beschäftigt sind, kleine Höhlen in den Sand zu graben. Auch ein großer Leguan beäugt uns aus sicherer Entferung.

Weiter geht es in nördlicher Richtung bis zur Flussmündung des Rio Sirena. Dort hofft gerade ein stolzer Tiger-Reiher im flachen Wasser auf fette Beute. Corinna hält Ausschau nach Crocs oder Hammerhaien, wird jedoch nicht fündig – sehr beruhigend für den morgigen Tag!

Zurück laufen wir über den Sendero Sirena – dieser kurze Weg wird zu einem unserer bisherigen Highlights unserer Reise werden. Wir sehen in sehr kurzer Abfolge eine Reihe von spektakulären Vögeln, unter anderem einige Tukane sowie einen wunderschönen Veilchen-Trogon aus aller nächster Nähe. Wiederum sichten wir diverse Spider Monkeys und Weißkopf-Kapuziner sowie Agoutis. Spätestens heute wird uns klar, dass unsere Entscheidung, ohne Guide durch den Corcovado Nationalpark zu gehen absolut richtig war. Allerdings muss man schon wissen, wie man sich in der Natur bewegen muss und wie und wohin man schauen muss, um Tiere zu entdecken. Man muss auch einmal die Muße haben, einfach nur still dazusitzen und zu warten. Viele Hiker, die durch den Regenwald wandern, wundern sich, dass sie nahezu keine Tiere zu sehen bekommen.  Wir können uns kaum vorstellen, dass wir mit einem Guide mehr Wildlife zu Gesicht bekommen hätten.

Zurück in der Rangerstation nehmen wir eine schnelle Dusche. Es regnet mittlerweile wieder relativ heftig. Zum Abendessen gibt es Hühnchen mit …, na was schon, Gallo Pinto!!! Da wir morgen bereits um 4.30 Uhr aufbrechen müssen, erhalten wir von der netten Köchin Lunchpakete. Wir bereiten in der „Stromzeit“ unsere Rucksäcke vor und erfreuen uns danach auf der Veranda an unseren tollen Tierfotos, die wir heute geschossen haben. Corinna fragt vorsichtshalber noch einmal an, ob ich mir angesichts der fetten Blasen unter den Füßen den zwanzig Kilometer langen Marsch zutraue! Ich antworte, „es wird schon irgendwie gehen“. Ein „Rücktransport“ per Boot oder Flugzeug käme einer Niederlage gleich – das kommt in keinem Fall in Frage! Anschließend gehen wir ins Bett, um morgen früh ausgeruht den anstrengenden Marsch antreten zu können.

09. April 2011
Um 4.00 Uhr klingelt der Wecker. Da auch unsere Mitbewohner sich regen – sie haben offenbar mit ihrem Führer eine kleine Wanderung in den frühen Morgenstunden vor -, müssen wir glücklicherweise nicht einmal sonderlich Rücksicht nehmen. Wir packen den Rest unserer Sachen zusammen, füllen drei 1,75 Liter Flaschen mit Wasser auf und dann geht es auch schon los. Draußen herrscht stockfinstere Nacht. Neben unseren Stirnlampen spendet uns unsere Maclite Stablampe Licht, um den Weg durch den Dschungel zur Furt zu finden. Pünktlich um 5.00 Uhr stehen wir wie geplant am Ufer des Rio Claro. Zunächst einmal wird der Fluss „gescannt“ nach Crocs. Nahe am Äquator ist es am Morgen so, als ob irgendjemand das Licht anschaltet und schon ist es Tag. Da kein „Ungeheuer“ ausgemacht werden kann, beginnen wir den Weg durch den Fluss, immer in Richtung der Bojen-Markierung, die am anderen Flussufer zu erkennen ist. Ein mulmiges Gefühl bleibt allemal, dagegen sind wir beide nicht gefeit, zumal Krokodile sich meisterhaft in der Tarnung verstehen! Am anderen Flussufer wird es noch einmal ein bisschen tiefer – hier reicht uns das Wasser ungefähr bis an die Hüften. Unbeschadet erreichen wir schließlich das andere Ufer und atmen erst einmal durch.

Auf der anderen Flussseite führt der Pfad noch ein kurzes Stück durch den Wald bis zum Strand. Dort machen wir erst einmal eine Frühstückspause und verzehren ein pappiges Sandwich mit Scheiblettenkäse aus unserem Lunchpaket. Ein Nasenbär macht sich genüsslich an einer Kokosnuss zu schaffen und beäugt uns neugierig. Sodann watschelt er seines Weges. Wir sind sehr erstaunt, dass der Dschungel heute Morgen verhältnismäßig ruhig ist, normalerweise ist im Dschungel um diese Zeit „der Teufel los“! Der Weg führt nun parallel zum Strand durch Palmen und Bananenbäume und auch durch einige Waldabschnitte.

In Sichtweite befindet sich jederzeit ein traumhafter, palmenumsäumter tropischer Strand. Am Ende der ersten Bucht bildet eine winzige Palmeninsel in unmittelbarer Ufernähe, den ersten markanten Punkt, der auch auf unserer Skizze zu finden ist. Hier fühlt man sich fast wie Robinson!

Unmittelbar darauf folgt die Punta Satispuedos. Dieser ins Wasser hinausragende Felsvorsprung kann nur bei einsetzender Ebbe überstiegen werden. Da das Wasser noch zu hoch steht, legen wir eine kurze Pause mit einem zweiten Frühstück ein. Eine größere Gruppe Spider Monkeys nähert sich uns vorsichtig, darunter zwei Affenmütter, deren Babys sich unter dem Bauch festklammern.

Als der Felsvorsprung schließlich passierbar wird, setzen wir unseren Weg fort. Es folgt ein wunderschöner Strandabschnitt bis zur Punta La Chandia. Dort muss erneut ein Felsvorsprung überquert werden – ebenfalls nur bei Ebbe möglich. Wir beobachten Pelikanformationen, die in Richtung Norden fliegen.

Eugenio in Durika hat uns über das ungewöhnliche Verhalten vieler Vogelarten berichtet, die aufgrund der Vielzahl der Gefahren in den Tropen ihr normales Verhalten ändern und beginnen, in Gruppen zu fliegen. So können alle Mitglieder der „Reisegemeinschaft“ frühzeitig gewarnt werden, sobald ein Vogel eine Gefahr erkennt. Dies scheint ein solches Phänomen zu sein.

Bei der Punta La Chandia führt der Pfad kurz zurück in den Wald. Wir treffen dort auf ein aufgeregtes junges Pärchen, das mit einem Guide unterwegs ist. Sie haben soeben einen Puma gesichtet. Wir schließen uns schnell entschlossen der kleine Gruppe an und entdecken tatsächlich den Puma, der in aller Seelenruhe aus einem kleinen Bachlauf trinkt. Die Drei verfolgen das Raubtier, nachdem dieser seinen Weg hinauf auf eine kleine Anhöhe fortgesetzt hat. Wir folgen der Gruppe jedoch nicht, da wir es zum einen nicht für richtig halten,ein wildes Tier in seinem Territorium zu verfolgen, zum anderen die Verfolgung auch sehr gefährlich sein kann. Der Puma bleibt ein Raubtier, welches angreifen kann, wenn es sich in die Enge gedrängt fühlt.

Was für ein Glück wir haben: Das Erlebnis, auf einen Puma zu treffen, widerfährt tatsächlich den wenigsten Hikern. Das zweite große Raubtier, welches im Corcovado NP vorkommt, der Jaguar, ist noch sehr viel seltener anzutreffen. Der Jaguar hat sich aus dem Corcovado Park weitestgehend zurückgezogen. Dies führen die Experten auf den schwindenden Bestand an Beutetieren, vornehmlich Peccaris (Wildschweine) zurück. Das Aufeinandertreffen mit dem Puma kam so überraschend, dass wir lediglich ein einziges unscharfes Foto – und das zudem von hinten – von dem seltenen Ereignis schießen können. Erschwerend kommt in dieser Situation hinzu, dass sich der Autofocus meines Teleobjektivs während der Wanderung verabschiedet hat und ich daher in der Situation viel zu langsam bei der Fokussierung des Pumas war. Was soll´s, das besondere Erlebnis kann uns niemand nehmen!

Wir setzen unseren Weg durch den Wald fort und sichten noch mehrere Macaws. Die Schmerzen in den Füßen plagen mich trotz der Schmerztabletten, die ich zu Beginn der Wanderung eingeworfen habe, schon heftig. Der Abschnitt bis zum Rio Madrigal zieht sich endlos. Wir entdecken unterwegs noch die nachtaktive „Mouthless Crab“ (Winkerkrabbe), die durch ihre kreischenden Farben kurios wirkt.

Von einem Felsen am Strand läuft das Wasser aus dem Regenwald herab. Wie ich später erfahre, trinkt Corinna aus dieser „scheinbaren Quelle“ – ein äußerst riskantes Unterfangen, da eine hohe Wahrscheinlichkeit besteht, sich eine Giardiasis (Biber Fieber) einzufangen, die durch die Protozoen Giardia lamblia verursacht wird und von schwerstem Erbrechen, Durchfall, und Magenkrämpfen gekennzeichnet sein kann. Einige Wochen nach unserer Rückkehr werden bei Corinna tatsächlich die im Mikroskop wie kleine Drachen aussehenden Einzeller nachgewiesen. Die Behandlung erfolgt übrigens über eine einwöchige Antibiotika-Therapie. Unproblematischer und viel gesünder ist doch da das Knacken einer frischen Kokosnuss und der Genuss des frischen Kokossaftes.

Auch eine weitere grüne Leptophis Schlange entdecke ich später noch in einem Bananenbaum. Endlich kommt der Rio Madrigal in Sicht. Die Überquerung dieses Flusses ist glücklicherweise nicht abhängig von den Gezeiten. Von hier aus sind es entlang eines traumhaften und breiten Tropenstrandes noch rund 30 Minuten Fußmarsch bis zur La Leona Rangerstation. In der Nähe von La Leona sind zahlreiche Scarlet Macaw Pärchen aus nächster Nähe zu beobachten. Bei dem bunten Treiben der Paare kann man stundenlang zuschauen!

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